Meister Eckhart
Meister Eckhart
Eckhart von Hochheim, besser bekannt als Meister Eckhart (* um 1260 in Tambach (südlich von Gotha)
oder in Hochheim (nordöstlich von Gotha); † 1327/1328 in Köln oder Avignon), war einer der bedeutendsten
Theologen, Mystiker und Philosophen des christlichen Mittelalters.
Eckhart wird um 1260 als Sohn des Ritters Eckhart von Hohenheim, der in den Diensten der thüringischen
Ministerialen von Wangenheim stand, geboren.
Frühzeitig, wohl schon um 1275, tritt er in Erfurt in den Dominikanerorden ein. Von 1277 bis 1289 erhält
er seine Grundausbildung mit einem Studium artium (der Künste), naturalium (der Naturphilosophie),
solemne (der Theologie) und generale (Studium generale), die mit seiner Priesterweihe beendet ist.
1311–1313 folgt ein zweites Magisterium in Paris. Nur Thomas von Aquin hatte bisher zwei Pariser Magisterien
inne. Nun entstehen die großen lateinischen Traktate: die Auslegungen zu den alttestamentlichen Büchern
Genesis, Exodus und Weisheit sowie zum Johannesevangelium, ferner ein umfangreiches Corpus lateinischer Predigten.
1314 wird er Generalvikar des Dominikanerklosters in Straßburg, aus dieser Zeit stammt ein Großteil
seiner bekanntesten Schriften, der „Deutschen Predigten“. 1322 übernimmt Meister Eckhart die Leitung
seiner alten Ausbildungsstätte, des Studium generale in Köln. Dort wird er 1325 durch Mitbrüder beim
Kölner Erzbischof Heinrich II. von Virneburg wegen angeblich häretischer Glaubensaussagen denunziert.
Eine Liste mit zunächst 49 inkriminierten Sätzen wird 1326 nach Überprüfung auf 28 reduziert. Um vor
dem Scheiterhaufen bewahrt zu bleiben, widerruft Meister Eckhart 1327 vorsorglich öffentlich. Entweder
auf einer Reise an den päpstlichen Hof zu Papst Johannes XXII. nach Avignon oder erst nach seiner
Rückkehr nach Köln stirbt Meister Eckhart 1328. Einige Monate später, am 23. März 1329, werden von
den inkriminierten 28 Sätzen 17 durch die päpstliche Bulle In agro dominico als häretisch verurteilt,
der Wortlaut weiterer 11 Thesen wird kritisiert, da er zu Missverständnissen einlade.
Vom edlen Menschen
Unser Herr spricht im Evangelium: »Ein edler Mensch zog aus in ein
fernes Land, sich ein Reich zu gewinnen, und kehrte zurück« (Luk. 19, 12). Unser Herr lehrt uns in diesen
Worten, wie edel der Mensch geschaffen ist in seiner Natur und wie göttlich das ist, wozu er aus Gnade zu
gelangen vermag, und überdies, wie der Mensch dahin kommen soll. Auch ist in diesen Worten ein großer Teil
der Heiligen Schrift berührt.
Man soll zum ersten wissen, und es ist auch deutlich offenbar, daß der Mensch in sich zweierlei Naturen
hat: Leib und Geist. Darum sagt eine Schrift: Wer sich selbst erkennt, der erkennt alle Kreaturen, denn
alle Kreaturen sind entweder Leib oder Geist. Darum sagt die Schrift vom Menschen, es gebe in uns einen
äußeren und einen anderen, den inneren Menschen.
Zu dem äußeren Menschen gehört alles, was der Seele anhaftet, jedoch umfangen ist von und vermischt mit dem
Fleische, und mit und in einem jeglichen Gliede ein körperliches Zusammenwirken hat, wie etwa mit dem
Auge, dem Ohr, der Zunge, der Hand und dergleichen. Und dies alles nennt die Schrift den alten Menschen,
den irdischen Menschen, den äußeren Menschen, den feindlichen Menschen, einen knechtischen Menschen.
Der andere Mensch, der in uns steckt, das ist der innere Mensch; den heißt die Schrift einen neuen
Menschen, einen himmlischen Menschen, einen jungen Menschen, einen Freund und einen edlen Menschen. Und
der ist gemeint, wenn unser Herr sagt, daß »ein edler Mensch auszog in ein fernes Land und sich ein
Reich gewann und wiederkam.«
Man soll fürderhin wissen, daß Sankt Hieronymus und auch die Meister gemeinhin sagen, ein jeglicher Mensch
habe von Anbeginn seines menschlichen Daseins an einen guten Geist, einen Engel, und einen bösen Geist,
einen Teufel. Der gute Engel rät und treibt beständig an zu dem, was gut ist, was göttlich ist, was Tugend
und himmlisch und ewig ist. Der böse Geist rät und treibt den Menschen allzeit hin zu dem, was zeitlich
und vergänglich ist und was Untugend, böse und teuflisch ist. Derselbe böse Geist hält beständig Zwiesprache
mit dem äußeren Menschen, und durch ihn stellt er heimlich allzeit dem inneren Menschen nach, ganz so wie
die Schlange mit Frau Eva plauderte und durch sie mit dem Manne Adam (vgl. 1 Mos. 3, 1 ff.). Der innere
Mensch ist Adam. Der Mann in der Seele [s. 18, 20b, 37, 40, 43] ist der gute Baum, der immerfort ohne
Unterlaß gute Frucht bringt, von dem auch unser Herr spricht (vgl. Matth. 7, 17). Er ist auch der Acker,
in den Gott sein Bild und Gleichnis eingesät hat und darein er den guten Samen, die Wurzel aller Weisheit,
aller Künste, aller Tugenden, aller Güte sät: den Samen göttlicher Natur (2 Petr. 1, 4). Göttlicher
Natur Samen das ist Gottes Sohn, Gottes Wort (Luk. 8, II).
Der äußere Mensch, das ist der feindliche Mensch und der böse, der Unkraut darauf gesät und geworfen
hat (vgl. Matth. 13, 24 ff.). Von dem sagt Sankt Paulus: Ich finde in mir etwas, was mich hindert und
wider das ist, was Gott gebietet und was Gott rät und was Gott gesprochen hat und noch spricht im Höchsten,
im Grunde meiner Seele (vgl. Röm. 7, 23). Und anderswo spricht er und klagt: »0 weh mir unseligem Menschen!
Wer löst mich von diesem sterblichen Fleische und Leibe?« (Röm. 7, 24). Und er sagt wieder anderswo, daß
des Menschen Geist und sein Fleisch allzeit widereinander streiten. Das Fleisch rät Untugend und Bosheit;
der Geist rät Liebe Gottes, Freude, Frieden und jede Tugend (vgl. Gal. 5, 17 ff.). Wer dem Geiste folgt
und nach ihm, nach seinem Rate lebt, dem gehört das ewige Leben (vgl. Gal. 6, 8). Der innere Mensch ist
der, von dem unser Herr sagt, daß »ein edler Mensch auszog in ein fernes Land, sich ein Reich zu gewinnen«.
Das ist der gute Baum, von dem unser Herr sagt, daß er allzeit gute Frucht bringt und nimmer böse, denn
er will die Gutheit und neigt zur Gutheit, zur Gutheit, wie sie in sich selbst schwebt, unberührt vom
Dies und Das. Der äußere Mensch ist der böse Baum, der nimmer gute Frucht zu bringen
vermag (vgl. Matth. 7, 18).
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