Das Höhlengleichnis ist wohl das berühmteste Gleichnis Platons und durch seine dichterische Kraft und Ausdrucksform das berühmteste Lehrstück der Philosophie und der Lehre der Philosophie. Es steht am Beginn
des siebten Buches der Politeia, die um 380 v. Chr. entstanden ist. Platons Lehrer Sokrates verdeutlicht darin gegenüber dem Dialogpartner Glaukon den Bildungsweg des Philosophen, der gemäß dem Dialog als einziger den
Staat führen könne. Eingebettet ist dieses Gleichnis in die Frage Glaukons nach dem Wesen des Guten und den beiden vorhergehenden Gleichnissen, dem Sonnengleichnis und dem Liniengleichnis, die beide das Höhlengleichnis vorbereiten. (Quelle: Wikipedia)
[Sokrates:] "Stell dir Menschen vor in einer unterirdischen Behausung von Art einer Höhle geöffnet zum Licht mit einem großen Eingang [Menschen also] darin, von Kind an in Fesseln, so dass sie allein nach vorne blicken, herum aber die Köpfe wegen der Fessel nicht wenden können; Licht bekommen sie von einem Feuer oberhalb [von ihnen]. Zwischen dem Feuer und den Gefesselten [gibt es] oben einen Weg. Vor dem entlang stell dir eine Mauer
vor ähnlich der Absperrung, die für die staunenerregenden [Zauberer] vor dem Publikum aufgebaut wird, über der sie [dann] ihre erstaunlichen [Kunststücke] zeigen.
Stell dir nun vor[, wie] hinter dieser Mauer entlang, Menschen [allerhand] Gegenstände tragen und Statuen von Menschen und anderen Lebewesen aus Stein und Holz und alle möglichen anderen Werkstücke, wobei manche dieser Träger sprechen."
[Glaukon:] "Von einem verrückten Bild erzählst du da und von verrückten Gefesselten!"
[Sokrates:] "[Ach -] Die sind uns eigentlich ganz ähnlich. Erstmal: Scheinen dir denn solche [Menschen] von sich selbst und anderen irgend etwas zu sehen außer den Schatten, die vom Feuer auf den ihnen gegenüberliegenden
Teil der Höhle geworfen werden?"
[Glaukon:] "Wie denn? – wenn sie gezwungen sind, ihr Leben lang die Köpfe stillzuhalten...."
[Sokrates:] "Und von dem, was vorübergetragen wird, nicht auch?"
[Glaukon:] "Was sonst?"
[Sokrates:] "Wenn sie nun reden könnten untereinanderwürden sie nicht dasjenige "wirklich"(29) nennen, was sie sehen?"
[Glaukon:] "Sicher."
[Sokrates:] "Was, wenn das Gefängnis auch ein Echo von der gegenüberliegenden [Wand] her hat?
Was nun einer der Vorübergehenden sagt, würden sie das für etwas anderes halten als für den Ausspruch eines vorüberziehenden Schattens?
[Glaukon:] "Meiner Meinung nach nicht."
[Sok:] "Ganz und gar nicht könnten solche [Menschen] also etwas anderes das Wahre nennen als die Schatten der [vorübergetragenen] Gegenstände?"
[Glaukon:] "Mit Sicherheit [nicht]."
[Sok.:]
Wenn nun einer gelöst würde Und gezwungen würde, sofort [...] ins Licht zu schauen, unfähig wäre zu sehen die Dinge, von denen er zuvor die Schatten sah, was würde der wohl sagen, wenn ihm einer sagte, er habe damals dummes
Zeug gesehen, nun aber näher am Wirklichen und schon Wirklicherem zugewandt, sähe er richtiger, und wenn man, auf jedes der vorbeibewegten Dinge zeigend ihn zwänge, auf die Frage zu antworten, was es sei - meinst du nicht, dass er ziemlich ratlos wäre und er das damals Gesehene für wahrer hielte als das nun Gezeigte?"
[Glaukon:] "Allerdings."
[Sokrates:]"Wenn man ihn nun sogar zwänge, ins Licht [des Feuers] selbst zu sehen, würden ihm nicht die Augen wehtun, und er würde fliehen, und meinen, die [Schatten] seien der Wirklichkeit weit näher als das Gezeigte?"
[Glaukon:] "So wäre das."
[Sok.:] "Und wenn ihn einer mit Gewalt von dort durch den unwegsamen und steilen Aufgang schleppte und nicht losließe, bis er ihn ans Licht der Sonne gebracht hätte – wird er nicht viel Schmerzen haben und sich gar ungern schleppen lassen?
Und wenn er nun dem Licht entgegengeht, wird er nichts von dem sehen können, was man [ihm] nun als das Wahre benennt?"
[Gl.:] "Jedenfalls nicht sofort!"
[Sokrates:] "Gewöhnung, glaube ich, wird er brauchen, um das da oben zu sehen. Und zunächst würde er Schatten am leichtesten erkennen. Und dann von Menschen und anderem die [Spiegel-]bilder im Wasser; später erst diese selbst.
Die Dinge am Himmel dann und den Himmel selbst würde er nachts leichter betrachten, ins Sternen- und Mondlicht schauend, als bei Tag die Sonne und ihr Licht."
[Glaukon:] "Wie sonst?"
"Endlich aber, glaube ich, würde er die Sonne (nicht bloß im Wasser oder einer anderen, ihr nicht gemäßen Unterlage Abbilder von ihr, sondern) sie selbst an sich selbst an ihrem Platz erblicken und anschauen können, wie sie ist."
[Glaukon:] "Ganz bestimmt."
[Sok.:] "Und danach wird er schon von ihr schließen, dass sie es ist, die alles auf den Weg bringt im sichtbaren Bereich und auch von allem dort Gesehenen in gewisser Weise die Ursache ist"
[Gl:] "Klar."
[Sok.:] "Wie nun? Wenn er an seine erste Wohnung zurückdenkt und an die dortige ‚Weisheit', meinst du nicht, er wäre glücklich über die Veränderung."
– [Gl.:] "Und wie!"
[Sok.:] "Und wenn sie dort Ehre, Lob und Belohnungen für den bestimmt hatten, der das Vorüberziehende am schärfsten sah und am besten behielt, was zuerst zu kommen pflegte und was zuletzt und was zugleich, und daher also am besten vorhersagen konnte, was nun erscheinen werde, glaubst du, es werde ihn danach noch groß verlangen?" – [Gl.: "nein"]
[Sok.:] "Wenn ein solcher nun wieder hinunterstiege und sich auf denselben Schemel setzte wären ihm nicht von Dunkel die Augen erfüllt wenn er so plötzlich aus der Sonne kommt?
Würde man ihn nicht auslachen und sagen, er habe sich beim Weg nach oben die Augen ruiniert, und es sei nicht der Mühe wert, nach oben zu gehen?
Und, man müsse einen, der es unternähme, [jemanden] loszubinden und hinaufzuführen, wenn man ihn nur in die Hände kriegen und umbringen könnte, umbringen?"
[Gl.:] "Allerdings."